Vita

Herkunft
Jean-Jacques Scheifele kommt 1955 im Norden Algeriens unter bis heute ungeklärten Umständen zur Welt. Der Vater, in dubiose Schwarzmarkt-geschäfte verwickelt, musste Deutschland übereilt verlassen.  Er heuerte bei der Fremdenlegion an und wurde in dem Marktflecken Sour el Ghozlane stationiert. Trotz des eskalierenden Krieges um die Unabhängigkeit Algeriens trifft er sich heimlich mit der Tochter des algerischen Sekretärs der Provinzverwaltung. Eine Affäre, die nicht ohne Folgen bleibt. Sous-Lieutenant Scheifele – seinen Klarnamen hat der gebürtige Oberschwabe verfremdet, wie es die Anonymat-Regeln der Legion vorsehen – gelingt es, die Frucht seiner Liebe aus den Kriegswirren zu retten. Von der Mutter fehlt indes bald jede Spur. So reist der kleine Jean-Jacques wenig später in Begleitung verwundeter Fremdenlegionäre nach Puyloubier in Südfrankreich. Das Städtchen unweit von Aix en Provence beheimatet nicht nur das berühmte Invalidenhospital der Legion, die Institution des Invalides de la Légion Étrangère, sondern auch ¬– ohne dass irgendjemand davon Notiz nähme – ein Heim für Kinder der Fremdenlegionäre.


Der Weg nach Oberschwaben
In Puyloubier verbringt Jean-Jacques die ersten Lebensjahre, behütet vom französischen Staat. Weil dies selbst dem inzwischen zum Lieutenant beförderten Legionär Scheifele zu wenig ist, wird Jean-Jacques 1960 zu den Großeltern ins oberschwäbische Bad Waldsee gebracht. Ein Kulturschock für den Knaben, aber ein Schock auch für Oma und Opa. Der Enkel erweist sich zwar als wissbegierig, aber auch als ungestüm. Schon mit sieben experimentiert er mit Salpeter, Schwefel und Kohle. Wenig später mischt er Schwarzpulver. Kurz darauf sprengt er die Treppe der evangelischen Kirche in die Luft; das Schwarzpulver hat funktioniert. Als Jean-Jacques dann noch eine jüngere Verwandte zur Kahlrasur überredet und die Lehrer der 1. Klasse Gymnasium bald vor dem „Wildfang aus der Fremdenlegion“ zittern, schicken die Großeltern ihn nach Wilhelmsdorf ins Internat. Da ist Jean-Jacques gerade mal elf.

Im Internat
Internatsjahre prägen. Das gilt auch für Jean-Jacques. Sechs Jahre besucht er die Zieglerischen Anstalten, eine evangelische Erziehungsinstitution mit angegliedertem Gymnasium und Behindertenheim mitten im katholischen Oberland. In den Schlafsälen herrscht ein strenges Regime. Abiturienten verprügeln ungeniert jüngere Schüler. Lehrer fordern Leistung und Gehorsam. Jean-Jacques übt sich in Vermeidungsstrategien und Überlebenstechniken. Immer wieder überlistet er Internatsleitung und Großeltern. Anstatt die Heimatwochenenden bei diesen zu verbringen, trampt er heimlich nach Stuttgart, München oder Paris.  In der Tasche nur den Kinderausweis, aber dafür im Socken einen Joint. Einmal wird Jean Jacques in Stuttgart von der Kripo aufgegriffen. Auf der Wache spielt er Skat mit den Beamten. Ein andermal kontrolliert die Polizei ihn und eine junge Griechin nachts im Münchner Bahnhofsviertel. Dieser Ausflug endet beinahe mit Untersuchungshaft und Erziehungsheim.

Soul und Sex
Wenn Jean-Jacques nicht geschnappt und zurück ins Internat eskortiert wird, landet er in den angesagten schwarzen Clubs. Noch heute wundert er sich darüber, wie er als 14-Jähriger an den Türstehern der Discos vorbeikam – lange Haarmähne, Leopardenfellmantel und Tücher ließen ihn älter wirken. „Da war diese schwarze Frau auf der Tanzfläche. Weiße Lackstiefel, kurzer Mini. Es lief Soul, und sie tanzte“, erinnert sich Jean-Jacques noch heute. Es war sein erstes erotisches Erlebnis. Soul und Sex sind für ihn seitdem eins. Und Musik wird Jean-Jacques’ Leidenschaft.

Die ersten Basslinien bringt ihm ein Lehrer mit 15 bei. Der erste Bass ist Marke Eigenbau. Im Internatskeller probt die Band „Rülps“. Deren Konzerte werden bald zum Ereignis. Die Mädels sind hingerissen, die Musiker glücklich und zufrieden. Hätte Jean-Jacques in dieser Zeit nicht auch noch als Chefredakteur der Schülerzeitung für Furore gesorgt, womöglich hätte er sich zum Paradeschüler gemausert – mit prächtigen Karriereoptionen.

Allein, es kommt wie es vielleicht bei Jean-Jacques kommen muss. Ein Schüler verbreitet sich im „……“ etwas respektlos über die Stenographie-Lehrerin. Deren Ehemann, auch dieser Lehrer und außerdem Berufsoffizier im Ruhestand, schäumt vor Wut. Geschasst werden schließlich alle Verantwortlichen, einschließlich des Chefredakteurs. Zum Erschrecken der Großeltern kehrt Jean-Jacques in der 11. Klasse aufs Gymnasium Bad Waldsee zurück. Eine Schule, die nicht gewillt ist, dem als schwierig abgestempelten „schwäbischen Franzosen“ noch einmal eine echte Chance zu geben. Der vorzeitige Abgang nach nur einem Jahr wirkt im Nachhinein wie vom Rektor geplant.

Leben mit Musik
Schulversager! Ein hässlicher Stempel – aber nicht für Jean-Jacques. Der jobbt fürs erste an einer Tankstelle. Mit dem Ersparten und einer kleiner Erbschaft kauft er Verstärker und Boxen, den ersten richtig guten Bass. Bald gründet er mit Gleichgesinnten die Band „Friends“. Gespielt wird Rock, gewürzt mit Soul. Der Jazz-Klassiker Sunny groovt wie bei wenigen Bands. Dazwischen liebt es der junge Mann am E-Piano melodisch-melancholisch, der Schlagzeuger ist noch etliche Jahre von seiner indischen Weltmusik-Zukunft entfernt.

Und Jean-Jacques ist nicht nur Musiker, sondern auch Veranstalter. Noch als Jugendlicher, marschiert er zum Stadtkämmerer. Der vermietet ihm auf Treu und Glauben – und entgegen der Vorschriften – eine Halle. Bad Waldsee erlebt sein erstes Rockfestival. Die Starkstromtage werden ein riesiger Erfolg. Für die „Friends“ organisiert Jean-Jacques Auftritte. Bald gibt es eigene „Friends“-Sweat-Shirts, die erste Langspielplatte. Jean-Jacques finanziert sie, aber die anderen Bandmitglieder träumen von der großen Karriere und glauben, sie hätten mit einem professionelleren Bassisten bessere Chancen. Am Ostermontag 1978 kommt es zum Bruch. Nur einen Tag später lässt Jean-Jacques Oberschwaben hinter sich und zieht nach München.

Mit den Spiders auf Tour
„Band sucht Rowdy“ steht dort noch einen Tag später in den Kleinanzeigen. Die Band heißt „Spider Murphy Gang“. Kaum einer kennt sie, aber ihr Angebot ist solide. Konzerte jeden Sonntag und Montag, jedes Mal gibt es 150 Mark. Jean-Jacques heuert an –und stellt den Musikern seine PA-Anlage zur Verfügung. Ein Glücksfall, wie sich erweist. Nach zwei Jahren produzieren die Spiders ihre erste Platte, 1982 veröffentlicht die Band ihren ersten großen Hit. „Skandal im Sperrbezirk“ heißt er. Die Spiders erobern die Bühnen der Republik – und Jean-Jacques ist dabei: verantwortlich erst für das gesamte Equipment, dann für Sound und Licht. Als die Gigs immer größer werden, steigt die Verleihfirma der großen Anlage aus; Jean-Jacques übernimmt den Auftrag, gründet die Firma Tollton mit Hauptsitz erst in Bad Waldsee, dann von 1986 an in Aulendorf. Es folgen die Jahre der großen Spider-Tourneen. Sogar in der damaligen DDR spielt die Band. Jean-Jacques ist mit Barny, Günther, Franz und Michael am Musiker-Himmel angelangt.

Neue Wege
Mit den Spiders ist Jean-Jacques weiterhin unterwegs. Aber daneben wird es für ihn Zeit, neue Wege zu gehen. In den frühen 90er Jahren gründet er sein eigenes Modelabel. In der Türkei lässt er nach seinen Entwürfen T-Shirts fertigen. Zwei Geschäfte in Ravensburg vertreiben die Ware. Es kommt zu Problemen mit dem Bedrucken der Hemden. Jean-Jacques setzt auf Qualität und findet sich wenig später als Chef seiner eigenen Druckerei wieder. Daneben entdeckt Jean-Jacques das rasant wachsende Internet für sich. Als Autodidakt baut er Internetseiten. So gut funktionieren die, dass eine Genossenschaftsbank im Schwäbischen ihn mit der Entwicklung einer Homepage beauftragt. Kurz nach der Jahrtausendwende läuft die Internetseite und Jean-Jacques wird als Teilzeit-Banker sogar verantwortlich für Marketing und Immobilienverkauf. Fürwahr ein weiter Weg für den Soul-Freak und Bürgerschreck von einst.

Zurück zur Musik
Aber Jean-Jacques wäre nicht er selbst, ließe die Musik ihn los – auch nicht als Ehemann und Vater, auch nicht als ehrgeiziger Golfer. Wenn er Zeit hat, sitzt er zuhause oft am Klavier oder der Gitarre. Außerdem lernt er Saxophon. Im eigenen Studio tüftelt er an Melodien und Soundeffekten. Der Rechner als Spielwiese. „Ich will immer Reggae machen, aber es wird immer ein deutscher Schlager draus“, sagt Jean-Jacques. Die Texte fallen ihm nicht selten während langer Autofahrten ein. Die Stunden nach Mitternacht auf dem Heimweg von irgendeinem Spider-Konzert nach Aulendorf – für Jean-Jacques zählen sie den kreativsten Momenten.

Ende

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